BGM im öffentlichen Dienst: Was Behörden wirklich brauchen – und wie der Einstieg gelingt

BGM in der öffentlichen Verwaltung: Besonderheiten, Belastungsprofile, Förderung durch Unfallkassen & Krankenkassen. Plus Case Study Stadt Kelkheim. Experten-Leitfaden 2026.

600.000 unbesetzte Stellen. Steigende Krankenstände. Und die Frage: Wer kümmert sich um die, die sich um alle anderen kümmern?

Der öffentliche Dienst in Deutschland steckt in einer Belastungsspirale. Laut dbb Monitor 2026 fehlen aktuell 600.000 Beschäftigte, um die übertragenen Aufgaben erfüllen zu können. In den nächsten zehn Jahren scheiden 27 % der Belegschaft aus. Gleichzeitig steigt die Arbeitslast durch Digitalisierung, Migrationsmanagement, Grundsteuerreform und immer neue Dokumentationspflichten.

Die Konsequenz: Die verbleibenden Beschäftigten arbeiten dauerhaft an ihrer Belastungsgrenze. Der allgemeine Krankenstand lag 2024 bei 6,1 %, psychische Erkrankungen steigen seit Jahren kontinuierlich – von 0,62 % Krankenstandsanteil im Jahr 2016 auf 0,93 % im Jahr 2024. Im öffentlichen Dienst liegt die Belastung oft noch über dem Durchschnitt.

Betriebliches Gesundheitsmanagement in der öffentlichen Verwaltung ist deshalb keine Kür. Es ist eine Voraussetzung dafür, dass Kommunen handlungsfähig bleiben.

Was BGM im öffentlichen Dienst von der Privatwirtschaft unterscheidet

Wer BGM Maßnahmen für den öffentlichen Dienst plant, muss die Besonderheiten kennen. Vier Faktoren machen den Unterschied:

Haushaltsplanung statt Unternehmensbudget

BGM in Behörden wird aus Steuermitteln finanziert. Budgets folgen dem Haushaltszyklus – in der Regel zwei Jahre. Das bedeutet: Erste Ergebnisse müssen innerhalb dieses Zeitraums sichtbar sein, um die nächste Finanzierung zu sichern. Politische Mehrheiten müssen überzeugt werden, und eine neutrale Kosten-Nutzen-Rechnung ist Pflicht, nicht Kür.

Personalräte statt Betriebsräte

Die Mitbestimmung im öffentlichen Dienst läuft über Personalvertretungen. Sie müssen frühzeitig eingebunden werden – nicht als Hürde, sondern als Partner. Ein BGM-Konzept ohne Personalratsbeteiligung wird in den meisten Behörden nicht umgesetzt.

Unfallkassen statt Berufsgenossenschaften

Im öffentlichen Dienst greift nicht die Berufsgenossenschaft, sondern die Unfallkasse. In Hessen ist die Unfallkasse Hessen (UKH) der zentrale Ansprechpartner. Sie bietet kostenlose Beratung, Seminare und sogar eine eigene Ausbildung zur „Fachkraft für kommunales Gesundheitsmanagement" – ein Angebot, das viele Kommunen noch nicht kennen.

Wichtig zu wissen: Beamte sind bei der Unfallkasse nicht versichert, sie haben eigene Beihilfe- und PKV-Regelungen. BGM-Maßnahmen können aber für alle Beschäftigtengruppen angeboten werden.

Andere Belastungen, andere Maßnahmen

Verwaltungsbeschäftigte sitzen nicht nur. Sie sitzen unter Druck. Bildschirmarbeit kombiniert mit Bürgerkontakt, emotionale Anforderungen in sensiblen Bereichen wie dem Jobcenter oder der Ausländerbehörde, dazu die permanente Arbeitsverdichtung durch fehlende Kolleginnen und Kollegen. Die BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung zeigt: Beschäftigte im öffentlichen Dienst berichten häufiger über Erschöpfung, Schlafstörungen und Kopfschmerzen als der Durchschnitt.

Demografischer Wandel: Das zentrale Argument für BGM in der Verwaltung

Der öffentliche Dienst altert schneller als die Privatwirtschaft. Das Durchschnittsalter liegt bei 44,5 Jahren. Mehr als jeder vierte Beschäftigte ist über 55. In bestimmten Bereichen wie dem Verkehrs- und Nachrichtenwesen sind es sogar 40 %.

Was das für BGM bedeutet: Arbeitsfähigkeit bis zum Ruhestand zu erhalten, ist keine abstrakte Zielsetzung, sondern eine konkrete Notwendigkeit. Wenn in den nächsten zehn Jahren 27 % der Beschäftigten ausscheiden und die Stellen nicht nachbesetzt werden können, muss die verbleibende Belegschaft leistungsfähig und gesund bleiben. Altersgerechte Arbeitsplatzgestaltung, Bewegungsförderung und Stressprävention sind dafür die Grundlage.

Welche Maßnahmen wirken – und welche nicht

Die Versuchung ist groß, BGM in der öffentlichen Verwaltung mit einem einmaligen Gesundheitstag abzuhaken. Ein Obstkorb im Pausenraum, ein Vortrag über Rückengesundheit, eine Broschüre über Stressbewältigung. Das Problem: Es wirkt nicht. Nachhaltige Gesundheitsförderung in der Kommune setzt an zwei Ebenen an.

Verhaltensorientierte Maßnahmen stärken die individuellen Kompetenzen der Beschäftigten: Bewegungskurse wie Rückenfit oder Faszientraining, Stressbewältigungsprogramme, Ergonomie-Schulungen, Workshops zu gesunder Führung.

Verhältnisorientierte Maßnahmen verändern die Rahmenbedingungen: ergonomische Arbeitsplatzgestaltung, flexible Arbeitszeitmodelle, Pausenkultur, gesundheitsförderliche Arbeitsorganisation.

Die Bundesverwaltung hat mit dem Eckpunktepapier von 2014 einen klaren Rahmen gesetzt: Systematische Analyse, evidenzbasierte Maßnahmen, regelmäßige Evaluation. Dieses 6-Schritte-Modell gilt auch auf kommunaler Ebene als Goldstandard.

Förderung: Wer zahlt BGM in Behörden?

Die gute Nachricht: Kommunen stehen bei der Finanzierung nicht allein.

Krankenkassen (§ 20b SGB V)

Krankenkassen sind gesetzlich verpflichtet, betriebliche Gesundheitsförderung zu unterstützen – mindestens 3,15 € pro Versichertem pro Jahr. Das gilt auch für kommunale Arbeitgeber. Die TK bietet beispielsweise bis zu 5.000 € pro Projekt. AOK, Barmer und KKH haben eigene Programme.

Unfallkasse Hessen

Die UKH berät kostenfrei, bietet Seminare und unterstützt bei Gesundheitstagen. Ihr Zertifikatslehrgang zur „Fachkraft für kommunales Gesundheitsmanagement" qualifiziert interne Verantwortliche in zwei Modulen mit fünf Präsenztagen.

Steuerfreibetrag

Seit 2020 gilt: Bis zu 600 € pro Beschäftigtem pro Jahr sind für zertifizierte Gesundheitsmaßnahmen steuer- und sozialversicherungsfrei. Das senkt die effektiven Kosten deutlich.

GKV-Bündnis für Gesundheit

Der GKV-Spitzenverband koordiniert die Fördermittel über regionale Koordinierungsstellen. Der Leitfaden Prävention definiert die Handlungsfelder und Qualitätskriterien, die erfüllt sein müssen.

Praxisbeispiel: Wie die Stadt Kelkheim BGM Maßnahmen im öffentlichen Dienst nachhaltig etabliert hat

Die Stadt Kelkheim zeigt, wie der Einstieg in BGM für kommunale Verwaltungen gelingt – pragmatisch, wirksam und ohne bürokratisches Mammutprojekt.

Der Ansatz: Niedrigschwellig starten, Wirkung entfalten lassen

Statt eines umfassenden Gesundheitskonzepts startete Kelkheim mit einer konkreten Maßnahme: dem Bewegungskurs Mini-Moves zur Stärkung der Tiefenmuskulatur. Über mehrere Wochen trainierten die Verwaltungsbeschäftigten gezielt gegen die Folgen langer Bildschirmarbeit – angeleitet durch Till Pitschel von Roadrunner Health Management.

Das Ergebnis: Vom Einzelkurs zum Folgeprojekt

Die Begeisterung im Team war so groß, dass direkt ein aufbauender Faszienkurs gebucht wurde. Das ist die wichtigste Kennzahl für nachhaltiges BGM: nicht die Teilnahmequote beim ersten Mal, sondern die Frage, ob das Team weitermachen will.

Das Feedback spricht für sich: Die Beschäftigten beschreiben die Kurse als intensiv, aber gleichzeitig locker und individuell abgestimmt. Till hat es geschafft, alle mitzunehmen – unabhängig von Fitnesslevel und Alter. Genau das ist entscheidend in einer Verwaltung, in der die Altersstruktur von 25 bis 65 reicht.

Was Kommunen daraus lernen können

Der Kelkheimer Weg zeigt drei Prinzipien, die auch auf andere Behörden übertragbar sind: Erstens ein niedrigschwelliger Einstieg, der keine lange Vorlaufzeit und kein umfangreiches Konzeptpapier erfordert. Zweitens eine Durchführung, die motiviert statt belehrt. Drittens der organische Übergang in eine Folgemaßnahme, die das Thema Gesundheitsmanagement in der Stadtverwaltung verstetigt.

Rechtlicher Rahmen: Was Behörden wissen müssen

Fünf Gesetze bilden das Fundament für BGM in der öffentlichen Verwaltung:

§ 20b SGB V: Betriebliche Gesundheitsförderung. Krankenkassen fördern Maßnahmen, die den Qualitätskriterien des GKV-Leitfadens entsprechen.

§ 20a SGB V: Gesundheitsförderung in Lebenswelten. Kommunen als Arbeitgeber sind ein anerkanntes Setting.

SGB VII: Gesetzliche Unfallversicherung. Im öffentlichen Dienst über die Unfallkassen organisiert.

ArbSchG § 5: Gefährdungsbeurteilung inklusive psychischer Belastungen. Seit 2013 Pflicht – wird in vielen Behörden immer noch nicht vollständig umgesetzt.

§ 167 SGB IX (ehemals § 84): Betriebliches Eingliederungsmanagement. Pflicht bei mehr als sechs Wochen Arbeitsunfähigkeit innerhalb von zwölf Monaten.

So funktioniert der Einstieg: Drei Schritte für Ihre Behörde

Schritt 1: Förder-Check

Wir prüfen, welche Krankenkassen- und Unfallkassen-Mittel für Ihre Kommune verfügbar sind. In Hessen gibt es eine der besten Förderstrukturen Deutschlands – viele Behörden schöpfen sie nicht aus.

Schritt 2: Belastungs-Radar

Wo entstehen die größten gesundheitlichen Risiken? Bildschirmarbeit, Bürgerkontakt, Führung, Demografie – wir analysieren Ihre spezifische Situation und empfehlen die Maßnahmen mit dem höchsten Wirkungsgrad.

Schritt 3: Quick-Win umsetzen

Ein Bewegungskurs wie Mini-Moves, ein Ergonomie-Check, ein Workshop zu gesunder Führung – wir starten mit einer Maßnahme, die schnell wirkt und das Team überzeugt. So schaffen Sie die Evidenz für den nächsten Haushaltsbeschluss.

Fazit: BGM im öffentlichen Dienst ist keine Kür – es ist Daseinsvorsorge

Kommunen, die ihre Beschäftigten gesund halten, halten ihre Verwaltung handlungsfähig. In einer Zeit, in der 600.000 Stellen fehlen und die Pensionierungswelle gerade erst beginnt, ist Gesundheitsmanagement in der Behörde nicht mehr optional. Es ist Daseinsvorsorge.

Roadrunner Health Management unterstützt Kommunen in Hessen und Rheinland-Pfalz dabei, BGM im öffentlichen Dienst pragmatisch, gefördert und nachhaltig umzusetzen. Die Stadt Kelkheim hat den Anfang gemacht. Wir begleiten den nächsten Schritt.

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